Die Verstädterung der Welt

Die Konzentration der Bevölkerung in städtischen Ballungsräumen gehört weltweit zu den prägenden Entwicklungen der vergangenen zweihundert Jahre. Seinen Höhepunkt erreichte dieser Prozess zwischen 1950 und 1980.

Seither geht die Entwicklung hin zu metropolitanen Großregionen, die eine neue Etappe der Urbanisierung darstellen. Diese »MetropoÜsierung« vollzieht sich als Zersiedlungsprozess entlang der großen die urbane Dynamik hat sich das Umland einverleibt.

Das Wachstum der Städte im 19. und 20. Jahrhundert wur­de vorwiegend als Explosion der großen Ballungsgebiete beschrieben. Entscheidend für die Stadtentwicklung in den vergangenen fünfzig Jahren war jedoch die wach­sende Zahl der Ballungsräume in den unterentwickelten Ländern – wo sich kleinere Städte und Verwaltungszen­tren der Provinzen, Landkreisen usw. immer stärker ausdehnten. Das Haupt­anliegen der Macht bestand darin, auf diesen Gebieten eine zentralisierte Verwaltung aufzubauen. 1950 lebten nur 30 Prozent der Weltbevölkerung in Städten, 2007 wird das Verhältnis zwischen Stadt-und Landbewohnern ausgeglichen sein. Im Jahr 2000 betrug der Anteil der städtischen Bevölkerung in den Industriestaaten 75 Prozent (1950 wa­ren es 55 %), in den Entwicklungslän­dern über 40 Prozent (1950 18 %). Je­doch zeigen sich zwischen einzelnen Entwicklungsländern wie auch zwi­schen ganzen Kontinenten erhebliche Unterschiede. In Lateinamerika lag das Wachstum der Städte um 75 Pro­zent höher als in Europa und doppelt so hoch wie in Afrika und Asien. Nach absoluten Zahlen leben heute fast die Hälfte aller Stadtbewohner in Asien, nur 30 Prozent in Europa und Nord­amerika und weniger als 15 Prozent in Lateinamerika und der Karibik. London war im Jahr 1900 die erste Stadt, die eine Einwohnerzahl von 6,5 Millionen erreichte, hundert Jahre später gab es schon über 30 solcher Megastädte – zehn von ihnen hatten mehr Einwohner als New York im Jahr 1950 (12,3 Millionen). Zwei Drit­tel der 30 größten Städte der Welt lie­gen in Entwicklungsländern. Mit 26,5 Millionen Einwohnern führt Tokio die Weltrangliste an, New York liegt nur noch auf dem vierten Platz, hinter Säo Paulo und Mexico City (Plätze 2 und 3). Vier der zehn größten Städte sind südasiatische Metropolen: Bombay, Kalkutta, Dacca und Delhi. In der zweiten Hälfte des 20. Jahr­hunderts entstanden Großstädte auch in Ländern, die zuvor noch keine exreme Urbanisierung erfahren hatten. Bevölkerungswachstum, Verarmung und Landflucht führten dazu, dass von 1950 bis 1990 jede größere Stadti n diesen Ländern zu einem – gemesssen an der Einwohnerzahl des Staates – gigantischen Ballungsraum heranwuchs. Anfang der1990er-Jahre verlangsamte sich das Wachstum: Städte vie Mexiko, Sao Paulo oder Seoul schienen vor 25 Jahren noch im Be­iriff, Tokio zu überholen, doch dann wuchsen sie nicht mehr so stark, ob­wohl die japanische Metropole jährlich nur noch 50.000 Einwohner zulegte. Einen Sonderfall bildet China: Mach dem Ende der »antiurbanen« Politik des maoistischen Regimes, die zunächst die Landflucht verhinderte, hat das bevölkerungsreichste Land der Erde seinen »Entwicklungsrückstand« aufgeholt. Von dieser Ausnahme abgesehen zeichnet sich inzwischen eine neue Entwicklung deutlich ab – die so ge­nannte Metropolisierung. Experten be­obachten eine Fragmentierung der urbanen Dynamik entlang der großen Verkehrswege. Umweltschützer war­nen in diesem Zusammenhang vor der sich immer rascher ausbreitenden Versiegelung der Böden. In reichen wie in armen Ländern hat der Urbanisierungsprozess ausgedehnte Vor­stadtsiedlungen entstehen lassen. Die Landflucht, also der dauerhafte Orts­wechsel, wurde durch die tägliche Mobilität der Pendler abgelöst, womit das Verkehrsaufkommen beträchtlich an­gewachsen ist: In den reichen Län­dern fährt jeder im seinem eigenen Auto zur Arbeit, in den armen Län­dern im Sammeltaxi. Damit ist nicht mehr die Bevölke­rungsverdichtung als solche das Pro­blem, sondern die Tatsache, dass der politische Handlungsraum stark frag­mentiert wird und die verschiedenen Lebensbereiche der Menschen aus­einander gerissen sind. Das bedeutet eine qualitative Umwälzung nicht zu­letzt deshalb, weil es die schrittweise Verlagerung der Macht in den privat-wirtschaftlichen Bereich begünstigt.

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