KARL DER GROßE

KARL DER GROßE
Schon von seinen Zeitgenossen wurde er „der Große” genannt. Und Großes hat er in
der Tat geleistet: Er schuf das erste christliche Großreich in Europa, das von Italien
bis zur Nordsee, vom Atlantik bis ins heutige Ungarn reichte. Er förderte Kunst und
Kultur, baute eine funktionierende Verwaltung auf, sorgte für die Ausbreitung des
Christentums und wurde am Ende sogar zum Kaiser gekrönt. Von seinem Erbe
zehren wir in Europa noch heute.
DIE VORGESCHICHTE
Die Vorfahren Karls hatten es als Hausmeier (eine Art Regierungschef des Königs)
bereits zu großer Macht im Frankenreich gebracht – zu so großer Macht, dass sie
das Amt des Hausmeiers vom Vater auf den Sohn vererben konnten. Karls
Großvater Karl Martell (um 688 bis 741) herrschte schon fast wie ein König über das
Frankenreich. Er besiegte aufständische Stämme wie die Alemannen und die
Thüringer, kämpfte gegen die Bayern und die Sachsen und schlug die Mauren, die
von Spanien her immer wieder ins Frankenreich einfielen, endgültig zurück.
Seine Söhne Karlmann und Pippin III., der Jüngere (um 714 bis 768), teilten das
Hausmeieramt untereinander auf: Der eine regierte den Westteil, der andere den
Ostteil des Reiches. Doch Karlmann zog sich 747 als Mönch in ein Kloster zurück,
und Pippin übernahm die Herrschaft im gesamten Frankenreich. Pippin war bald so
mächtig, dass er 751 König Childerich III. aus dem Geschlecht der Merowinger
absetzen konnte, ohne dass man ihm größeren Widerstand entgegengesetzt hätte.
Pippin schickte Childerich ins Kloster und ließ sich selbst zum König krönen.
Neustrukturierung des Reiches
Wie es im Frankenreich üblich war, teilte Pippin sein Reich unter seinen Söhnen auf:
Dem jüngeren Sohn Karlmann vermachte er den südöstlichen Teil des Reiches, der
ältere Karl sollte den Rest des Reiches bekommen. Nach Pippins Tod 768 trat jeder
der beiden Brüder in seinem Reichsteil als König die Herrschaft an. Doch als
Karlmann 771 starb, vereinte Karl das Reich wieder und übernahm die Herrschaft im
gesamten Reich – ohne Rücksicht auf das Erbrecht der Söhne Karlmanns.
Karl ordnete das Reich neu und führte eine einheitliche und leistungsfähige
Verwaltung ein. Die oberste „Verwaltungsbehörde” war die Hofkapelle oder
Hofkanzlei, die von einem Erzkaplan oder Erzkanzler geleitet wurde. Dieses Amt
übernahmen in der Regel Geistliche, die schreiben konnten. Karl ließ das
bestehende Volksrecht zusammentragen und niederschreiben und gab selbst
Hunderte von Erlassen und Verordnungen heraus, die so genannten Kapitularien.
Diese Kapitularien wurden durch Königsboten im ganzen Reich verbreitet, und die
Königsboten sorgten auch dafür, dass diese Erlasse umgesetzt wurden.
Als „Verwaltungseinheiten” richtete Karl Grafschaften ein. An deren Spitze standen
Grafen, die sozusagen als königliche Beamte und im Namen des Königs in ihren
Bezirken regierten. An den Grenzen wurden Marken geschaffen, ebenfalls eine Art
Grafschaften, die aber vor allem dem Schutz des Reiches vor Angriffen von außen
dienen sollten.
KUNST UND KULTUR
Karl der Große förderte Bildung, Kunst und Kultur, wo er nur konnte. Er selbst sprach
außer seiner fränkischen Muttersprache auch Griechisch und Latein. Schreiben
konnte er allerdings nicht – das beherrschten damals meist nur die Geistlichen.
Karl zog berühmte Gelehrte aus fast ganz Europa an seinen Hof. Dort belebte er die
Hofschule wieder, die seit einiger Zeit in Verfall geraten war und an der die Kinder
des Königs und des hohen Adels unterrichtet wurden. Im ganzen Reich wurden neue
Klöster gegründet. Es entstanden auch zahlreiche Kloster- und Domschulen, in
denen vor allem die zukünftigen Geistlichen ausgebildet wurden. Auch die vielen
verschiedenen Schriftarten wurden auf Anregung Karls zu einer einheitlichen Schrift
vereint und vereinfacht. Heraus kam die so genannte karolingische Minuskel, eine
Vorläuferin unserer heutigen Schrift.
Auch in Kunst und Architektur entstanden zur Zeit Karls des Großen Meisterwerke.
Zahlreiche Künstler kamen an Karls Hof und schufen von der Buchmalerei bis zur
kompletten Kirche Kunstwerke, die uns heute noch in Erstaunen versetzen.
Berühmtestes und eindrucksvollstes Beispiel ist die Pfalzkapelle in Aachen. Bei ihrer
Arbeit ließen die karolingischen Künstler vielfach Vorbilder aus dem römischen
Altertum wieder aufleben. Daher wird die Kunst im Reich Karls des Großen auch als
„Karolingische Renaissance” bezeichnet, also als „Wiedergeburt” zur Zeit Karls des
Großen.
REISEKÖNIGTUM
Wie fast alle mittelalterlichen Herrscher im Frankenreich und später auch im Heiligen
Römischen Reich residierte Karl nicht an einem Ort und führte von dort aus die
Regierung, sondern er zog mit seinem ganzen Hof einschließlich Hofkanzlei und
Archiv von Ort zu Ort – je nachdem, wo die Anwesenheit des Kaisers von Nöten war,
wo wichtige Dinge zu regeln, bedeutende Personen zu treffen waren. Dieses
„Reisekönigtum” war zwar beschwerlich, aber es hatte auch Vorteile:
Der Herrscher konnte überall in seinem Reich oder wenigstens in den wichtigsten
Gebieten selbst nach dem Rechten sehen, konnte selbst Anordnungen treffen oder
Recht sprechen und war nicht auf Mittelsmänner angewiesen. Außerdem war
natürlich in einer Zeit, in der Herrschaft auf persönlichen Bindungen beruhte, die
persönliche Begegnung mit möglichst vielen seiner Untertanen besonders wichtig.
Seinen Aufenthalt nahm der Hof – wenn möglich – in einer Pfalz, einem der vielen
über das Reich verteilten Königssitze. Zur Zeit Karls des Großen gab es u. a. in
Frankfurt am Main, in Ingelheim, Paderborn und Worms Pfalzen. Die bevorzugte
Residenz des Kaisers aber war die Pfalz in Aachen, die er auch besonders sorgfältig
und prächtig ausbauen ließ – von der Aachener Pfalzkapelle hast du weiter oben
schon gelesen.
KRIEGE UND EROBERUNGEN
Karl der Große unternahm eine ganze Reihe von Kriegs- und Eroberungszügen, die
früher oder später alle erfolgreich endeten. 773/774 besiegte er in Italien die
Langobarden, gegen die ihn Papst Hadrian I. zu Hilfe gerufen hatte. Karl schickte
den besiegten langobardischen König Desiderius ins Kloster und erhob sich 774
selbst zum König der Langobarden. In Rom bestätigte er dem Papst die so genannte
Pippin’sche Schenkung, diejenigen Gebiete, die bereits Karls Vater Pippin III. von
den Langobarden erobert und dem Papsttum übereignet. Aus denen entwickelte sich
später der Kirchenstaat.
772 führte Karl einen ersten Krieg gegen die Sachsen; es sollte jedoch über 30 Jahre
dauern, bis er sie endgültig unterworfen hatte. Die Sachsen waren der letzte
heidnische Germanenstamm in der Reichweite des Frankenreiches, und Karl setzte
nun allen Ehrgeiz daran, sie zum Christentum zu bekehren – oder anders gesagt: sie
zu unterwerfen. Aber die Sachsen ließen sich nicht unterkriegen und setzten Karl
heftigen Widerstand entgegen. 785 gab der Sachsen-Herzog Widukind schließlich
auf und ließ sich taufen. Aber es dauerte nicht lang, bis sich die Sachsen wieder
gegen ihre neuen Herren erhoben. Einen letzten Aufstand schlug Karl 804 nieder.
Dann war Sachsen endgültig Teil des Frankenreichs.
788 setzte sich Karl gegen einen weiteren mächtigen und unbotmäßigen Herzog
durch, nämlich gegen den Bayern Tassilo III. Bayern gehörte zwar eigentlich zum
Frankenreich, aber Tassilo herrschte in Bayern wie ein unabhängiger König und
wollte sein Herzogtum aus dem Frankenreich lösen. Nun setzte Karl Tassilo ab und
verbannte ihn in ein Kloster; Bayern gehörte wieder ganz zum Frankenreich. Dann
stieß Karl noch weiter nach Osten vor, besiegte das Volk der Awaren und errichtete
die Ostmark. Die Ostmark wurde Jahrhunderte später sozusagen die Keimzelle
Österreichs.
Auch über die Pyrenäen, das Gebirge zwischen Frankreich und Spanien, stieß Karl
vor. In Nordspanien kämpfte er 778 gegen die muslimischen Mauren. Zwar musste er
dort auch eine Niederlage einstecken. Aber es war ihm immerhin gelungen, den
Norden Spaniens unter seine Herrschaft zu bringen und dort die so genannte
Spanische Mark zu gründen.
DIE KAISERKRÖNUNG
Am Weihnachtstag des Jahres 800 krönte Papst Leo III. in der Peterskirche zu Rom
Karl zum Kaiser. Zu Recht, könnte man sagen. Denn Karl war der bei weitem
mächtigste Herrscher in Europa, sein Reich umfasste fast das ganze christliche
Europa, er war also geeignet wie kein anderer für diese höchste weltliche Würde. Für
den Papst gab es noch andere wichtige Gründe, Karl zum Kaiser zu machen: Karl
hatte sich um die Ausbreitung des Christentums verdient gemacht (erinnere dich an
die Sachsen!). Außerdem brauchte das Papsttum eine weltliche Schutzmacht, denn
es verfügte nicht über eigene Truppen und war immer wieder Angriffen ausgesetzt.
Karl hatte sich bereits als Schutzherr des Papsttums und des Kirchenstaates
bewährt, und auch jetzt war er auf einen Hilferuf des Papstes hin nach Rom
gekommen. Denn es war wieder einmal ein Streit zwischen dem Papst und dem
mächtigen Adel der Stadt Rom ausgebrochen, und Karl hatte diese
Auseinandersetzung teils mit Waffengewalt zugunsten des Papstes entschieden.
Wen sonst also hätte der Papst zum Kaiser erwählen sollen?
Glaubt man der Lebensbeschreibung, die Einhard über Karl den Großen verfasst hat,
so wollte Karl überhaupt nicht Kaiser werden und war von der Krönung völlig
überrascht worden. Hätte Karl vorher gewusst, so berichtet Einhard, dass der Papst
ihn während der Weihnachtsmesse krönen würde, dann wäre er überhaupt nicht in
die Kirche gegangen.
Die Kaiserkrönung Karls des Großen wurde als Erneuerung des alten Römischen
Reiches aufgefasst, aber eines Römischen Reiches unter christlichem Vorzeichen,
der Kaiser war der höchste weltliche Herrscher im christlichen Europa. Fortan sollte
es jahrhundertelang wieder einen „Römischen Kaiser” geben – allerdings war dessen
Macht und Einfluss bei weitem nicht immer so groß, und auch das Verhältnis zum
Papst war nicht immer so ungetrübt wie zur Zeit Karls des Großen.
DER ZERFALL DES FRANKENREICHS
Auch Karl teilte nach fränkischer Tradition sein Reich unter seinen Söhnen auf. Aber
nur sein Sohn Ludwig, der den Beinamen „der Fromme” bekommen sollte, überlebte
ihn und übernahm nach Karls Tod 814 die Herrschaft im gesamten Reich. Aber
schon zu Ludwigs Lebzeiten stritten sich dessen Söhne um die Aufteilung des
Reiches, und nach seinem Tod 840 teilten die drei verbliebenen Söhne Ludwigs das
Reich untereinander auf. Das Reich zerfiel, und aus den Reichsteilen entwickelten
sich allmählich eigenständige Reiche, im Westen Frankreich und im Osten das
deutsche Reich. Das Kaisertum in beinahe alter Macht erstand erst 962 mit der
Krönung Ottos I. wieder.
Karl starb am 28. Januar 814 in Aachen. Er wurde in einem antiken Marmorsarg im
Aachener Münster beigesetzt. 1165 ließ ihn einer seiner großen Nachfolger auf dem
Kaiserthron, Friedrich Barbarossa, heilig sprechen.

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