Industrialisierung

Name: Geschichte- Neigungskurs Klausur Nr. 1 – Halbjahr 12/2
Notenpunkte: Verrechnungspunkte: (von 25) Durchschnitt:
1)
a) Arbeiten Sie aus M 1 heraus, wie Buchheim die Ausgangslage Deutschlands für eine Industrialisierung einschätzt. 4 VP
b) Erläutern Sie ausgehend von M 1, was dazu geführt hat, dass sich der industrielle Durchbruch in „Deutschland” vollzog. 5 VP
2)
a) Nennen Sie geordnet (ausgehend von M2) Merkmale der Sozialen Frage im 19. Jahrhundert. 4 VP
b) Erklären Sie mit Textbelegen (M2) wie sich Harkort die Lösung der sozialen Frage vorstellt. 7 VP
3) Interpretieren Sie die Bismarck- Karikatur !
(Bildunterschrift: „Entschieden ist er – und ein gewaltiger Redner, das muss man ihm lassen”)
5 VP
M 1: Der Historiker Christoph Buchheim über die Industrielle Revolution in Deutschland
Die Industrielle Revolution in Deutschland verlief in mancher Hinsicht entgegengesetzt zur französischen Entwicklung. Das Bevölkerungswachstum war viel größer, die Rohstoffausstattung war besser, was insbesondere die Kohlevorkommen betrifft, die Struktur der ländlichen Bevölkerung war nicht so eindeutig bäuerlich, vielmehr gab es, besonders in Ostelbien, eine exportorientierte, nach der Bauernbefreiung weitgehend kapitalistisch strukturierte Großlandwirtschaft. (…)
Zwar gab es auch in Deutschland, vor allem im Westen und in der Mitte, manche Regionen, die schon in vorindustrieller Zeit eine ausgeprägte gewerbliche Tradition hatten. Auch entstand schon im Jahre 1784 die erste mechanische Baumwollspinnerei in Ratingen bei Düsseldorf, ebenso wie bereits im 18. Jahrhundert die allerersten Kokshochöfen errichtet und Dampfmaschinen eingesetzt worden sind. Jedoch verbreitete sich der technische Fortschritt insgesamt zunächst wesentlich langsamer (…)
Alles in allem verlief das Wirtschaftsleben in Deutschland zur Zeit des Wiener Kongresses 1815,
ja selbst 1830 noch weitgehend in traditionellen Bahnen. Möglicherweise kann man in diesen Jahren sogar von einer gewissen Deindustrialisierung, zumindest aber von einer Stagnation der Industrialisierungstendenzen ausgehen, weil unter dem Einfluss der relativ ungehinderten Konkurrenz Großbritanniens und anderer Länder Westeuropas, die bereits weiter fortgeschritten waren, einige traditionelle Gewerbezweige, wie die Leinenindustrie, stark schrumpften, andere eine gewisse Zeitlang mit enormen Anpassungsschwierigkeiten zu kämpfen hatten und nicht mehr wuchsen, moderne Fabrikindustrie größtenteils aber noch fehlte. (…)
Nach Gründen für den Entwicklungsrückstand Deutschlands braucht man nicht lange suchen. Deutschland war sehr heterogen und sowohl politisch als auch sozial und religiös vielfach gespalten. Das Deutsche Reich bestand aus Hunderten, der Deutsche Bund immer noch aus Dutzenden mehr oder minder souveränen Einheiten, die allzu oft territorial weiter zersplittert waren. Es gab kein eindeutiges politisches Zentrum, wie es London oder Paris waren, wo unter anderem die Kommunikationslinien zusammentrafen. Wirtschaftlich bedeutete die Zersplitterung die Aufspaltung eines großen Binnenmarktes in viele kleine Segmente, die sich durch Zollgrenzen abschirmten. (…)
(aus: Buchheu, Christoph: Industrielle Revolution. Langfristige Wirtschaftsentwicklung in Großbritannien, Europa und in Übersee, dtv 4622, München 1994, S. 98f )
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M2 Der Unternehmer Friedrich Harkort über die Industriearbeit und deren Folgen (1844)
Der Staat muss einschreiten, um fernerem Verderben zu wehren, damit der Strom des Pauperismus nicht unaufhaltsam wachsend die gesegneten Auen des Vaterlande unheilbringend überschwemme. (…) Vom Staate verlangen wir, dass er nicht allein: gebietend, sondern auch helfend und fördernd einschreite.
Zunächst muss die Regierung mit aller Strenge das Gesetz hinstellen und handhaben:
dass durchaus keine Kinder vor zurückgelegter Schulzeit in Fabriken angestellt werden dürfen. Den Eltern muss unerbittlich das Recht genommen sein, ihre Kinder als Sklaven an die Industrie zu verkaufen. (…) So wie die Sachen jetzt stehen, werden die Kinder benutzt, um die Löhne der Erwachsenen zu drücken; lasst die Unmündigen ausscheiden aus dem Kreise der Dienstbarkeit, und die Älteren finden eine besser Vergütung für die Arbeit ihrer Hände. Selbst gehöre ich zu den Leitern der Industrie, allein vom Herzen verachte ich jede Schaffung von Werten und Reichtümern, die auf Kosten der Menschenwürde, auf Erniedrigung der arbeitenden Klassen begründet ist. Zweck der Maschine ist, den Menschen der tierischen Dienstbarkeit zu entheben nicht ärgere Fronarbeit zu schaffen (…).
Demnächst muss die Dauer der Arbeit, wenigstens ein Maximum, gesetzlich festgestellt werden, eine Wohltat, die selbst dem Sklaven Amerikas zuteil wird. (…) Ebenso gut wie das Gesetz den Sonntag zur Ruhe bestimmt, kann es den Feierabend fest stellen (…). Dass eine gesetzliche Norm möglich und für die Erhaltung eines tüchtigen Arbeiterstandes förderlich ist, lehrt der deutsche Bergbau. Die Schicht ist von acht bis zwölf Stunden täglich festgesetzt. Der Knappschaftsverband sichert Unterstützung in Krankheitsfällen oder bei Invalidität. Durch diese einfache Organisation erscheint der Stand gesicherter und unabhängiger als wie jene Masse von Lohnarbeitern anderer Gewerbe. Proletarier werden so nicht gebildet [= ausgebildet, geschult]
Früher bemerkten wir bereits, dass es untunlich erscheint, den Fabrikherrn für den Unterhalt seiner Leute verantwortlich zu machen. Allein die Pflicht könnte dringend nahe gelegt werden, das System der wechselseitigen Unterstützung (…) sowohl in Krankheitsfällen als wie bei Invalidität unter ihnen einzuführen und mit angemessener Zuschüssen zu unterstützen. Sichert der Staat durch Zollschutz die Herren, dann geschehe auch einiges für die Diener. (…)
Nach jetzigen Verhältnissen leistet der Arbeiter gewisse Dienste gegen einen gewissen Lohn, wobei noch strenge Aufsicht stattfinden muss; weiter kümmert ihn weder die Wohlfahrt der Fabrik noch des Unternehmers. Die Arbeitskraft tritt noch zu roh und ungebildet auf, als dass eine engere Verbindung mit dem Kapitale möglich wäre. Denken wir uns indessen eine sittlich gebildete Masse von Individuen, dann könnte ein glückliches Verhältnis stattfinden. Außer den festen Löhnen wäre der Arbeit ein Anteil an Gewinn zuzugestehen, und Fleiß und Tätigkeit würden Wunder tun. (… Das Verhältnis wäre nicht so schwierig, als wie manchem erscheinen mag. De: Fabrikunternehmer steht da als Monarch, die Arbeiter wie beratende Stände, von Jahr zu Jahr einberufen. (…)
Das Kapital oder der Unternehmer brächte eigentlich kein Opfer, denn der so gestellte Gehilfe arbeitete mehr und besser.
(aus: Harkort, Friedrich: Bemerkungen über die Hindernisse der Civilisation und Ernancipation der unteren Klassen, Elberfeld 1844, S. 42-51; modernisierte Rechtschreibung)
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Erwartungshorizont Geschichte- Neigungskurs Klausur Nr. 1 – Halbjahr 12/2
1) a) Arbeiten Sie aus M 1 heraus, wie Buchheim die Ausgangslage Deutschlands für eine Industrialisierung einschätzt. 04 VP
Positive Voraussetzungen: (18.Jhd)
– großer Bevölkerungsdruck
– Landwirtschaft: kapitalistisch strukturierte Großlandwirtschaft östlich der Elbe…
– gewerbliche Traditionen und Industrialisierungsansätze vorhanden
– bessere Rohstoffausstattung (Kohle)
Negative Ausgangslage zu Beginn des 19.Jhd.
– technische Rückständigkeit gegenüber F und GB
– Starke industrielle Konkurrenz für das deutsche Gewerbe durch GB
– Politische Zersplitterung (dadurch keine gemeinsame Wirtschaftspolitik)
– Wirtschaftliche Zersplitterung (fehlender Binnenmarkt, Zölle…)
Wichtig ist dabei eine abschließende Zusammenfassung etwa in der Weise: das Potential Ende des 18.Jhd war durchaus vorhanden (punktuelle positive Ansätze), aber durch die schlechten Rahmenbedingungen im 19.Jhdd entwickelte sich keine breite Aufbruchstimmung.
Gut sind auch Sätze aus der „Meta- Sicht” z.B.: „Buchheim spricht in seinem Text sowohl von den Bedingungen in der vorindustriellen Zeit als auch über die Entwicklung während dieser Zeit. Dabei spricht er sowohl wirtschaftliche als auch politische und soziale Faktoren an.”
1) b) Erläutern Sie ausgehend von Ml, was dazu geführt hat, dass sich der industrielle Durchbruch in „Deutschland” vollzog.
05 VP
– Wenn la) gründlich gemacht wurde, kann man hier lückenlos anknüpfen:
1. Fördern des positiven Potentials:
• Die Industrialisierung setzte bei den Vorzügen Deutschlands an (Rohstoffvorkommen Kohle). Schlüsselindustrie war Eisen- und Stahlindustrie. Durch D-F-Krieg bekam D auch noch große Eisenerzvorkommen (Lothringen)
2. Verbessern der Rahmenbedingungen:
• Wirtschaftliche Zersplitterung wurde durch Deutschen Zollverein 1834 aufgehoben. Danach: einheitliches Wirtschaftsgebiet
• Politische Zersplitterung wurde durch Gründung des Deutschen Reiches 1871 aufgehoben
• Dadurch konnten auch einheitliche Wirtschaftsgesetze erlassen werden. Schutz der deutschen Entwicklung durch Schutzzölle (für Agrar- und Industriebereich)
• Kapitalschub durch französische Kriegsentschädigung (5 Mrd Goldfranc) sowie durch Aktien und Banken (Bündelung des Kapitals)
• Eisenbahnbau als Schlüsselindustrie: Infrastruktur, Transport, Anbieter und Nachfrager
2a) Nennen Sie geordnet (ausgehend von M2) Merkmale der Sozialen Frage im 19. Jahrhundert. 04 VP
• Lebensverhältnisse
– Massenarmut / Pauperismus / Leben am Existenzminimum
– Keine soziale Absicherung (Arbeitslose als Bettler) außer im Bergbau
– Sittlicher Verfall (Z.1 und 2, Alkoholismus, Prostitution, Diebstahl)
– Arbeiterkinder ohne Bildungsmöglichkeit
• Arbeitsverhältnisse
– Kinderarbeit (Billiglöhne), dadurch keine Schulbildung, Sklavenarbeit
– Maschinenarbeit als Fronarbeit (gegen die Menschenwürde)
– Überlange Arbeitszeiten/ Sonntagsarbeit
– Betriebsordnungen (strenge Aufsicht)
– Kein gesicherter/fester Lohn
Andere Ordnungsprinzipien möglich (Einschätzung nach Größe der Not, Betroffenen…)
2b) Erklären Sie mit Textbelegen (M2), wie sich Harkort die Lösung der sozialen Frage vorstellt. 07 VP
„Erklären ” geht über nennen und reine Textarbeit hinaus ! Bitte nicht so minimalistisch antworten !
Insgesamt: soziale Arbeitsteilung zwischen Staat und Unternehmer darstellen. Haltung des Unternehmers insgesamt einschätzen.
• patriarchalische Einstellung: Der Unternehmer trägt Verantwortung gegenüber seinen Arbeitern (Monarch- beratende Stände Z. 35). „Menschlicher” Unternehmer (Z.10- 12)
• Diese sollen ihm dafür dankbar sein und fester an den Betrieb gebunden sein. (z.B. durch Gewinnbeteiligung Z.33)
• Gebildete und erholte Arbeiter nützen dem Unternehmen. (Z. 18 Erhaltung eines tüchtigen Arbeiterstandes, Z. 30 ungebildet und roh)
• Staat soll handeln. Rahmenbedingungen schaffen (Gesetze). Vorteil: alle Unternehmen müssen sich daran halten (Chancengleichheit) (Z. 5-7: Gesetz gegen Kinderarbeit, Gesetze zur Arbeitszeit)
• Staat soll soziale Aufgaben übernehmen, die bisher Unternehmen geleistet haben
(Knappschaftsverband Z. 19 – Z. 23-27 Pflichtsystem, Zuschüsse…)
• Unternehmen: Gerechte Bezahlung (Z. 10)
• Letztlich: nichts durch den Arbeiter, alles für den Arbeiter, zur Verhinderung einer Revolution (Z. 1-3: Strom … nicht unheilbringend überschwemme)
3) Interpretieren Sie die Bismarck- Karikatur ! 05 VP (Bildunterschrift: „Entschieden ist er – und ein gewaltiger Redner, das muss man ihm lassen”)
Folgende Bezüge könnten (da absichtlich keine Jahreszahl angegeben war) hergestellt werden:
• Bismarcks gespaltenes Verhältnis zur Politik / Parlament / Parteien (so hat er den preußischen Reichstag auflösen lassen)
• Assoziation zu„ Zuckerbrot und Peitsche” (Erklärung)
• Umgang mit der Sozialdemokratie/ Sozialismus (Sozialistengesetz)
• Umgang mit der Kirche (Durchsetzung des Staates gegenüber der Kirche)
• Hinweise auf seinen machiavellistischen Charakter (Macht, Realpolitiker)
• Eventuell außenpolitische Bezüge (Kriege…)
www.klassenarbeiten.de/oberstufe

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