Der Bibliothekar

Der Bibliothekar

Ein wichtiger Darsteller in dem Buch ist Hans-Ullrich Kolbe, er ist Bibliothekar. Er will nämlich nach der Lektüre eines Buches über den Pariser Nachtclub “Crazy Horse“ die Bücherwelt verlassen, aus der Literatur “Nackt ins Leben laufen“ und “im Namen der Literatur“ seine Abenteuer suchen. Hans-Ullrich möchte lediglich sein Leben etwas spannender gestalten und verlässt dafür seine geliebten alten Bücher. Er zieht durch Nachtclubs und Trift eines Tages auf die wunderschöne Jelena. Obwohl sie so gut wie kein Wort tauschen war Hans-Ullrich hin und weg. Von da an kommt er jeden Tag in den Club um die schöne Jelena tanzen zu sehen, wie sie Männer verführt und schließlich auch ihn. Während Hans-Ullrich von sich spricht, hat Jelena schon “die Füße im Strumpf, das Geld in der Tasche, die Augen jenseits der Tür und den Kopf woanders“. Während er bereit ist, mit ihr ins Unbekannte zu treiben und ein anderer zu werden, fürchtet sie das sie ihre Persönlichkeit, ihre Kunstfigur, ein betörendes Nachtschattengewächs, das sich den Namen Jelena Schnee zugelegt hat zu verlieren. Während Hans-Ullrich seinen guten Ruf, seine familiären Beziehungen und seine Rente als Oberbibliothekarsrat aufzugeben bereit ist. Hans-Ullrich ist bereit viel Geld für seine schöne Jelena auszugeben, doch auch das Geld geht irgendwann aus, und Jelena ist nur so lange “sein“ so lange er sie bezahlen kann, sie ist eben eine Geschäfts-Hure.
Ich möchte nun einen kleinen Sprung machen, und später nochmals auf diese stelle zurückkommen.
Es ist das besagte Photo von Hans-Ullrich, der nur mit Jelenas Slip bekleidet, versteinert am Bett kniet, in dem die Tote nackt liegt, mit einer unblutigen Wunde am Hals, gleich dem Stich eines Skorpions- ein Polizeifoto, ein sichtbarer Beweis, Altar und Grabmal der unglücklichen Beziehung. Die Geschichte wäre hier zu Ende, gäbe es nicht eine, die dieses Photo so lange betrachtet, bis sie drin steckt. Und das ist Sophie, die jetzt erwachsene Tochter, die damals noch im Osten lebte und von ihrem Vater Hans-Ullrich im Stich gelassen wurde, als er Jelena kennenlernte.
Nun möchte ich die Geschichte erzählen, wie alles begonnen und geendet hat.
Seine Stimme ist heiser und sie 28 Jahre alt. Hans-Ullrich, 53 jährig, drei Kinder, getrennt von der zweiten Frau, trägt auch im Sommer lange Hemden, ist Bibliothekar mit einer Sammelleidenschaft für “Bücher, die es nicht mehr gibt” und seit 25 Jahren SPD-Mitglied, insofern “der Normalfall an sich”. Sie, Jelena, eine erdbeerblonde Nackttänzerin mit stets glattrasierten Beinen und schwarzgeschminkten kalten Augen, hört Punkmusik, trägt als Zeichen ihrer Gefährlichkeit einen tätowierten Skorpion auf der linken Hand und darüber stets einen schwarzen Lederhandschuh. Er lernt sie in der Peep Show kennen, weiß bereits nach einem Blick nicht mehr, ob er ein Mann oder eine kranke Möwe ist und beschließt, alles aufs Spiel zu setzen, den Weg der Passion zu gehen, egal, wohin. Sie lässt sich bezahlen, bleibt kühl in ihrer “frigiden Passion”. Denn anders als der Alt- 68ger und Spätromantiker Hans-Ullrich hat sie bereits mit 28 keine Illusionen und Träume mehr im Kopf, bedauert höchstens, dass er nur “Erspartes” hat, statt Geschäfte zu machen und dass er mit ihr in einer billigen Pension statt im Kempinski absteigt. Man ahnt, dass es nicht gut ausgehen wird mit den beiden, auch wenn Hans-Ullrich keine Kosten scheut, um Jelena an sich zu binden. hier sitzt zwölf Jahre später Sophie, die Tochter von Hans-Ullrich, nun gleich alt wie damals Jelena, und muss auf einem Polizeiphoto ihren Vater identifizieren, der am Bett der toten Jelena kniet. Der banale Hans-Ullrich also, der keiner Fliege etwas zuleide tun kann, wird nach einem heißen Sommer 1982 in Berlin die Frau fatale umbringen, als sie ihn verlassen will. Er wird freigelassen, weil man ihm nichts nachweisen kann und, obschon er der Mörder ist, leuchtet auch uns, den Lesern, seine Unschuld völlig ein. Er hat sie geliebt, das ist sein Alibi, sie war nur eine Hure, die sich von ihm aushalten ließ und die ihn nach der Mythe des Skorpion Weibchens vergiften und dann fallen lassen will – wie alle ihre Geliebten zuvor.

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