Das expressionistische

Das expressionistische Stationendrama bei Georg Kaiser
1. Naturalismus
Ein neues kritisches Gesellschaftsbild wird entwickelt, das den Menschen als
Reflex seines abgestammten Milieus begreift. Dieses wird auch zum eigentlich
bestimmenden Faktor im naturalistischen Drama (etwa bei Gerhard
Hauptmann).
Aus diesem Grunde wurde naturalistischer Literatur zum Vorwurf gemacht, sie
klebe an der Oberfläche der modernen Wirklichkeit und erfasse deren Wesen
nicht.
2. Expressionismus
Die von expressionistischen Vertretern entwickelte Dramentheorie steht in
genauem Gegenteil zum Naturalismus, dem reine Reproduktion und
Ideenlosigkeit vorgeworfen wird. Man wendet sich auch gegen den
historisierenden und neuromantischen Impressionismus. Der Problemkomplex
Zivilisation soll als Ganzes untersucht werden.1 Denn der moderne Mensch ist
eingebaut in einen Prozess arbeitsteiliger Technologie und Lebensform.
Vorläufer des expressionistischen Dramas sind Strindberg und Wedekind.2
Das Stück „Ein Traumspiel“ von Strindberg versucht, den Traum poetisch zu
simulieren. Dieses Bemühen ist später kennzeichnend für die Poetik der
expressionistischen Stationendramen.3
Die Figuren sind entindividualisierte Inkarnationen bestimmter Ideen. Es geht
nicht um individualpsychologische Personencharakterisierungen, sondern um
die Gestaltung von Typen.
Die Sprache im expressionistischen Stationendrama soll nicht
„Alltagssprache“ imitieren.
Schauplätze sind ins Symbolische und Traumhafte überhöht und hängen nicht
an Milieu.
Die Einheit des Ortes wird aufgelöst. Der Protagonist macht seine
Erfahrungen auf Stationen, die durch erlebendes Ich verknüpft sind.
1 Vgl. Martini, S. 427.
2 Vgl. Vietta, S. 83f.
3 Vgl. Anz, S. 188.
2
Der Auflösung der geschlossenen Dramenform und Typisierung der Personen
können zwei Funktionen zugeschrieben werden:
Zum einen soll die Idee von der Erneuerung des Menschen verbreitet werden.
Literatur ist als Appell an DAS WESEN des Menschen zu verstehen. In dieser
Hinsicht ist dramatische Typisierung als behelfsmäßig religiöses Menschenbild
zu verstehen.
Auf der anderen Seite wird mit der Abstraktion der dramatischen Mittel (va. bei
Georg Kaiser) die Sprengung des dramatischen Raums des Milieus
durchgesetzt. Großstadt und Fabrikräume kommen auf die Bühne. Auch
moderne lebensweltliche Abstraktion durch die Gesellschaft selbst wird
dargestellt.4
Im expressionistischen Drama ist, wie in der gesamten literarischen Strömung,
kein einheitliches Erscheinungsbild erkennbar. Jedoch steht das Motiv der
Wandlung meist im Zentrum des Interesses, allerdings auf verschiedene Art
und Weise umgesetzt. Beim Stationendrama ist jenes Motiv auf einen
vereinzelten Protagonisten zugeschnitten. Aus diesem Grund wird es auch als
„einpoliges Wandlungsdrama“ bezeichnet.
Ein Protagonist steht im Mittelpunkt, hat keinen gleichberechtigten Mit- oder
Gegenspieler. So tendiert die Führung der Dialoge auch zur
Selbstaufhebung.5
Thematische Modernität im expressionistischem Drama zeigt sich durch die
Auseinandersetzung mit dem „Spießbürger“, der „proletarischen und
revolutionären Masse“, dem „Kampf der Generationen gegeneinander“ und
der „Tragödie der technischen Existenz“.6
3. „Von morgens bis mitternachts“ als expressionistisches Stationendrama
In Abgrenzung zum Drama des Naturalismus ist das Stück nicht durch Akte
gegliedert, sondern in zwei Teile. Für Stationendramen kennzeichnend ist
auch, dass der Protagonist keinen Namen hat, sondern lediglich die
Funktionsbezeichnung „Kassierer“.
Zu Beginn wird der Kassierer in seiner Funktion als Angestellter in einer
automatisierten Welt voller schablonenhaften Tätigkeiten gezeigt. Als eine
4 Vgl. Vietta, S. 84f.
5 Vgl. Anz, S. 189.
6 Vgl. Martini, S. 428.
3
Frau in diese Welt einbricht, will der Kassierer sich durch die Unterschlagung
von Geld heraus kaufen. Ab diesem Beginn erfährt der Protagonist in
unterschiedlichen Stationen, dass das wirkliche Leben für Geld nicht zu
haben ist.
In einer Fluchtszene kurz nach dem Diebstahl auf einem Feld geht es nicht um
Milieu oder Psychologie, sondern um eine Deutung der modernen käuflichen
Warenwelt und um die Reflexion der Situation des Kassierers.7
Am Morgen noch erprobter Beamter. (…) Mittags ein durchtriebener
Halunke. Mit allen Wassern gewaschen. (…) Ich bin auf dem Marsche –
Umkehr findet nicht statt. (S.25)
Der von Naturalisten als unnatürlich verstoßene Monolog feiert im
Expressionismus eine Auferstehung.8
Die frühe Entscheidung zum Selbstmord erscheint als die einzig mögliche
Konsequenz für den Kassierer, sie kommt relativ zu Beginn des Stückes. Sie
ist das Resultat einer verzweifelten Erfahrung von liebloser Großstadt- und
Warenwirklichkeit.
Das alltägliche Familienleben erscheint immer gleich strukturiert, Sprache wird
zu einer automatisierten Phrase. Mutter, Frau und Töchter agieren wie
Marionetten.
Die folgenden Szenen können als innovativ für die Dramengeschichte
gewertet werden. Typisch großstädtische Amusementzentren werden durch
die Massenszene beim Sechs-Tage-Rennen in der Großstadt B. und in der
Bordell-Szene auf die Bühne gebracht.
Beim Sechs-Tage-Rennen fungiert der Kassierer als Inspirator und Analytiker
zugleich. Er setzt hohe Geldprämien aus, die zu einem Leidenschaftsstrom
und zu Massentobsucht führen.
Hier ist die Schlacht in vollem Betrieb. (S. 44)
Der Kassierer erkennt, dass Entindividualisierung und Massensuggestion die
Sprache der „freien Menschheit“ auf unartikulierte Kollektivekstase reduziert.
Händeklatschen. Pfeifen und Klatschen. Gewaltiger Lärm. Heulendes
Getöse. Furchtbarer Lärm. Wahnsinniger Beifall. Bravorufe.
Betäubendes Schreien. Gesteigertes Schreien. Ekstase. (ab S. 37)
7 Vgl. Vietta, S. 86.
8 Vgl. Ritchie, S. 388.
4
In der darauf folgenden Ballhausszene steigert sich die totale Typisierung.
Weibliche Personen sind „Masken“ und tragen diese nicht nur. Anschließend
soll im Lokal der Heilsarmee durch Buße die Seele zu Wort kommen.9 Jeder
soll aus seinem Leben erzählen, wobei jede einzelne Schilderung die
Geschichte des Kassierers widerspiegelt. Hier wird deutlich, dass im
einpoligen expressionistischen Drama alle Gestalten dazu dienen, das
Schicksal des Protagonisten zu reflektieren.10
Der Kassierer jedoch entlarvt den faulen Zauber des Seelenausverkaufs. Er
wirft sein Geld unter die Leute, die sich sofort darauf stürzen. Der darauf
folgende Selbstmord macht deutlich, dass Durchbruch und Wandlung nur
tragische Illusion sind und nur der Tod als Sprung aus der Wirklichkeit bleibt. 11
Von morgens bis mitternachts rase ich im Kreise – nun zeigt sein
fingerhergewinktes Zeichen den Ausweg – – – wohin?!! (Zitat S. 65)
Das Drama entspricht äußerlich der traditionellen Forderung nach Einheit der
Zeit. Die Abfolge der meisten Szenen ist jedoch umkehrbar, dies entspricht
der Stationentechnik Strindbergs.
Filmverwandte Darstellungsmittel („Schnitt-Technik“) sollen die Diffusität von
großstädtischer Erfahrungswelt darstellen.12
Literatur:
Anz, Thomas: Literatur des Expressionismus, Stuttgart/Weimar 2002.
Ritchie, James M.: Georg Kaiser und das Drama des Expressionismus, in: Handbuch
des deutschen Dramas, hg. von Walter Hinck, Düsseldorf 1980, S. 386-400.
Martini, Fritz: Expressionismus, in: Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte,
hg. von Paul Merker und Wolfgang Stammler, Bd. 1, 2. Auflage 1954, S. 420-432.
Vietta, Silvio/Kemper, Hans-Georg: Expressionismus, 6. unveränderte Aufl.,
München 1997.
9 Vgl. Vietta, S. 87f.
10 Vgl. Ritchie, S. 390f.
11 Vgl. Vietta, S. 88-90.
12 Vgl. Ebd. , S. 128.

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