Angst

Angst
,, Hör auf zu wimmern!“ Arnie trat zu, wie ich es noch nie von ihm gesehen hatte. Seine Augen funkelten und strahlten ein Gefühl von Überlegenheit aus. Der sonst so schüchterne und zurückhaltende, 1 Meter 60 große Junge aus der Schubertstraße war voll in seinem Element. Toni und Richie feuerten ihn an und hatten einen Mordsspaß. Doch ich stand nur im Hintergrund und war in Gedanken. Zum ersten Mal überhaupt dachte ich über das nach, was wir da taten. Immerhin war das nicht der erste Ausländer, den wir so zurichteten. Doch irgendwie sah ich ihm in die Augen und hatte keinen Spaß wie sonst immer. Lag es an dem ganzen Scheiß, der die Tage passiert war? Ich denke schon.
Der 14 jährige Türke lag auf dem Boden. Blut lief ihm aus dem Mund. Er sah mich an und schrie, nicht laut, nur ich konnte ihn in meinen Gedanken schreien hören. „Warum tust du das? Hilf mir, verdammt noch mal, hilf mir!“ Seine Augen waren mit Tränen gefüllt. Ich konnte seine Angst riechen. Doch ich blieb kalt. Ich konnte es mir nicht leisten, vor meinen Freunden Schwäche zu zeigen.
Wir wollten diesen Jungen nicht töten. Wir wollten ihm nur zeigen, dass er nicht hierher gehörte. Dass wir das auf unsere etwas eigenwillige Art taten, fanden wir nicht schlimm. Wir liebten diesen Kick. Dieses Gefühl. Das Gefühl, das Arni` s Körper gerade durchströmte. Pure Überlegenheit.
Als wir im Bus saßen, hatte ich immer noch kein Wort gesagt. Meine 3 Freunde redeten und lachten aufgeregt über den Spaß, den sie gerade gehabt hatten. Den Türken hatten wir einfach unter der Brücke liegen lassen. Als wir nur noch ein paar Straßen von meiner entfernt waren, sprach mich Richie, unser ,,Anführer“, an. Diesen Titel hatte er sich selbst gegeben. Wir Anderen hatten Respekt vor ihm, weil er schon einmal im Jugendknast war. Er erzählte uns immer von seiner Zeit ,,Hinter Gittern“. Wir waren schwer beeindruckt gewesen. Rafael Nock kannte keine Angst. Zumindest behauptete er das immer.
„Was is los, Opa Krüger“, so nannten sie mich, da ich ein großer Fan von Freddy Krüger war, „Du hast nicht einmal auf diese Kanacke eingetreten. War er dir nicht hässlich genug?“ Arni grunzte los. Ich brauchte eine halbe Minute bis ich sagte: „ Mir geht’s irgendwie nicht gut. Mir ist schlecht.“ „Ich sag dir was, morgen schnappen wir uns einen richtig hässlichen Russen, den du dann ganz alleine verschmeißen darfst.“ Toni guckte so, als wäre das eine riesen große Ehre, die mir da zu Teil wurde. „ Geht nich.“ sagte ich, „ Mus morgen zum Arzt, irgend so ne scheiß Impfung.“
Was die Anderen nicht wussten war, dass das morgen nicht im Geringsten etwas mit einer Impfung zu tun hatte.
Ich stieg aus und verabschiedete mich mit einem festen Handschlag. Denn Richie sagte immer: „Nur Weiber und Ausländer streicheln sich an den Händen“
Als ich bei Nummer 22 ankam, zog ich meine Springerstiefel aus, schob die Mülltonne hervor und zog meine Nikes aus der hinteren Ecke in der Garage raus. Ich schlüpfte hinein und schloss die Tür auf. „Andreas?! “, rief meine Mutter aus der Küche, „ Komm schnell, deine Spagetti werden kalt.“ Ich erwiderte, dass ich keinen Hunger hätte und ging die Treppe in den Keller hinunter.
Ich ließ mich auf mein Bett fallen und drehte meine Anlage auf. Ich dachte über das nach, was mir der Arzt Tags zuvor gesagt hatte. Aber das konnte doch alles nicht sein. Von wegen, es bestehe ein großes Risiko. Ich hatte zweimal Sex und nur einmal ungeschützt. Das konnte einfach alles nicht stimmen. „Naja, morgen wird sich alles klären.“, flüsterte ich. Doch trotzdem stellte ich mir vor wie mein Leben weitergehen würde, falls der Test positiv sein
sollte. Alles würde anders werden. Ich würde aus der Bande austreten. Richie würde es zwar nicht verstehen, aber ich würde ihm irgendeine Ausrede auftischen.
Das alles in den letzten Wochen war viel zu sehr ausgeartet; wir sind zu weit gegangen. Das, was mit ein paar Beschimpfungen und gemalten Hakenkreuzen in der Schule angefangen hatte, war jetzt zu einer regelrechten Ausländerjagd geworden. Das wollte ich nicht. Doch genauso wollte ich nicht, dass mich die anderen aus der Gruppe ausstießen.
Doch jetzt musste endgültig Schluss sein. Der Test hatte mein Denken völlig verändert. „Morgen beginnt mein neues Leben!“ schwor ich mir. Und ich sollte Recht behalten, doch nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte.
Am nächsten Tag in der Schule war ich überhaupt nicht bei der Sache. Die Uhr über der Tür wurde zu meinem Feind. Ich kämpfte gegen die Schritte des Zeigers an. Ich wollte, dass er stehen blieb. Nie wieder weiterlief. Doch er hörte nicht auf mich. Er machte immer weiter. Minute für Minute, Stunde für Stunde, bis es plötzlich 13 Uhr war.
Das laute Schrillen der Schulglocke riss mich unsanft aus meinen Tagträumen. Ich kannte nun jeden Fleck, jedes Staubflöckchen auf der Uhr, doch wusste nicht einmal welches Fach wir zuletzt hatten.
Im Auto herrschte eine tödliche Stille. Ich lauschte dem Motor und den Gängen die meine Mutter immer einlegte. Ich zählte immer mit. 1. Gang; 2. Gang; 3. Gang; Leerlauf. Dann hielt meine Mutter vor der Praxis.
Als ich im Wartezimmer saß, schaute ich den kleinen Kindern beim spielen mit Bauklötzen zu.
Ich erinnerte mich an meine Kindheit und daran, was alles schief gelaufen war. Er erste Zug an einer Zigarette. Der erste Schluck aus einer Bierflasche. Das erste Rechtsrockalbum in meinem Schrank. Ich hätte heulen können und spürte, wie sich langsam eine Schlinge um meinen Hals legte. Sie war nicht fest. Sie streichelte nur sanft meine Kehle. Mit jedem Aufruf durch den Lautsprecher im Zimmer, zog sie sich ein bisschen fester zusammen; doch immer noch nicht so eng, dass es ungemütlich wurde.
Dann traf auf einmal wie ein Pfeil, der aus der Sprechanlage kam, der Name Andreas mein Trommelfell. Ich hatte das Gefühl, als würde jede Feuchtigkeit aus meinem Hals gezogen werden. Doch nur einen Bruchteil einer Sekunde später verlangsamte sich mein rasender Puls wieder. Der Nachname, der folgte, war nicht der meine. War das denn zu glauben; ein zweiter Andreas saß tatsächlich nur wenige Stühle neben mir und erhob sich.
Was für ein Spielchen spielte Gott da mit mir. Moment, ich glaube gar nicht an Gott. Ich schüttelte meinen Kopf und versuchte, mich wieder zu sammeln. Doch die Erleichterung war nur von kurzer Dauer. Als schon wieder das Signal aus dem kleinen Kasten über der Tür kam.
„Andreas Kimpel, bitte in Sprechzimmer 5.“ Die Schlinge zog sich so schnell und ruckartig zu, dass ich aufstöhnen musste. Der Moment war gekommen.
Schleppend trugen mich meine Beine zur Tür mit der Nummer 5. Ich legte die Hand auf die Klinke. Sie war kalt und rau. Ich mochte diese Türklinke nicht. Sie hätte warm sein sollen. So verschlimmerte sie nur meine Angst. Langsam drückte ich sie herunter. Zum ersten Mal in meinem Leben lernte ich das Gefühl der Angst richtig kennen. Wenn ihr glaubt ihr hättet schon einmal richtig Angst gehabt, dann wisst ihr nicht, was ich in diesem Moment durchlebte. Der Türke hatte Angst. Doch ihr könnt die eure nicht mit meiner vergleichen. Die Angst vor einer Spinne an der Wand, die vor der Matheklausur, die vor einem Korb von
diesem hübschen Mädchen aus der Oberstufe. Das alles ist keine Angst, wie ich sie hatte. Ich begann zu fühlen wie die, die wir so oft verprügelt hatten. Ich begann zu bereuen.
Die Schlinge um meinen Hals hatte sich immer noch nicht gelockert. Mein Herz raste als würde es versuchen aus meiner Brust zu entfliehen und aus dem Fenster zu springen. Ich betrat das Zimmer.
Ende

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