Finanzmärkte und spekulative Geldströme

Das Anwachsen der Finanzströme hat sich seit den 1980er-Jahren noch beschleunigt. Die Politik der Regierungen begünstigte die Öffnung der nationalen Märkte und die dort gehandelten Aktiva (Aktien, Schuldtitel, Devisen, Rohstoffe usw.). Hinzu kam die Schaffung neuer Instrumente durch die Finanzinstitutionen – all das hat entscheidend zur erfolgreichen »Globalisierung der Finanzmärkte« beigetragen.

Zirkulierende Finanzaktiva schei­nen die Fähigkeit zu giganti­scher Selbstvermehrung zu besitzen. Sie stehen in keinem Verhältnis mehr zur Warenzirkulation oder zu den industriellen Investitionen. So lag das tägliche Transaktionsvo­lumen auf den Devisenmärkten 1998 bei über 1400 Mrd. Dollar, das Hun­dertfache der Summe, die für die Finanzierung der Transaktionen von Gütern und Dienstleistungen erfor­derlich war.

Die von den internationalen Orga­nisationen durchgesetzten Umschul-dungsprogramme, die die Geschäfts­banken seit Beginn der igSoer-Jahre mit den überschuldeten Ländern der Dritten Welt aushandeln, garantieren den Gläubigerbanken der Industrie­länder einen kontinuierlichen Schul­dendienst, der zuweilen schon den Kapitalimport der betreffenden Län­der überstieg. Auf der anderen Seite konzentrierte sich in den 1990er-Jahren ein Großteil der Auslandsdirektinvestitionen und der Portfolio-Investitionen auf einige wenige Schwellenländer (75 Prozent der Aus­landsdirektinvestitionen in den Süden gingen 2000 in nur fünf Länder).

Aber seit der Krise von 1997 flös­sen die internationalen Finanzie­rungsströme (Emissionen von Obli­gationen, Aktientransaktionen, Bank­kredite) hauptsächlich in die Indus­trieländer. Die USA haben einen enormen Bedarf an Auslandskapital. Im April 2002 belief sich der Nettoka­pitalimport zur Finanzierung des Au-ßenbilanzdefizits auf täglich 1,5 Mrd. Dollar.

Hohe Wachstums raten verzeich­net auch der Derivatehandel. Infolge ihrer spezifischen »Hebelwirkung«, die es erlaubt, Finanzaktiva in Hohe eines Vielfachen des Eigenkapitals zu bewegen, bergen Derivate ein hohes Instabilitätsrisiko. So jonglierte bei­spielsweise der LTCM-Fonds (Long Term Capital Management Fonds), bevor er Ende 1998 kollabierte, bei ei­nem Eigenkapital von 4,8 Mrd. Dollar mit Aktiva in Höhe von 125 Mrd. Dollar. Diese Risiken werden ver­stärkt durch die Undurchsichtigkeit solcher Transaktionen und die schwa­chen Kontrollen durch die Börsenauf­sicht.

Die Enron-Affäre endete für die siebtgrößte US-Unternehmensgrup­pe im Dezember 2001 in einem spek­takulären betrügerischen Bankrott WorldCom folgte und machte endgül­tig offenbar, wie viel Analysten, Bor-senaufsicht, Wirtschaftsprüfer und andere Akteure der »financial com-munity« zur Undurchsichtigkeit der Märkte beitragen.

Die weltweite Börsenkapitalisie­rung ist in den 1990er-Jahren stark gewachsen und die USA behielten unangefochten ihre Vormachtstel­lung. Für die Finanzierung der Unter­nehmen ist die Aktienbörse jedoch zweitrangig. In den 1990er Jahren überstiegen die Aktienrückkäufe durch US-Konzerne wertmäßig häu­fig den Umfang der Aktienemissionen.

Dass sich die durchschnittliche Dauer des Aktienbesitzes bis Ende 2001 weltweit auf knapp sieben Mo­nate verkürzt hat, zeigt, worum es den Marktteilnehmern in allererster Linie geht: um möglichst hohe speku­lative Gewinne.

Die wichtigsten Akteure auf den Finanzmärkten sind die diversen In­vestmentfonds (Pensionsfonds, Betei­ligungsfonds) und die Versicherungs­gesellschaften. Ihr Machtzuwachs hat die gesellschaftlichen Beziehungen (zwischen Kapital und Arbeit, zwi­schen Aktionären und Unterneh­mensleitungen) stark verändert und neue Managementmethoden (»Enter­prise Government«) hervorgebracht, die nur auf die Steigerung der Share-holder-Values abzielen.

Im Allgemei­nen ging der hohe Einkommenszu­wachs der Kapitalbesitzer in den I99oer-Jahren mit sinkenden Ar­beitskosten und steigender Ausbeu­tung der Arbeitskraft einher. Zur Umsetzung einer solchen Betriebspolitik wurden die Manager oft durch starke finanzielle Anreize (z.B. Aktien­optionen) motiviert. Die Investment­fonds haben das Wachstum der grenz­überschreitenden Kapitalbewegungen auf den Aktien- und Wertpapier­märkten erheblich beschleunigt.

Die Finanzströme nehmen also sowohl direkt Einfluss auf die Lage der Arbeitnehmer in den Industrielän­dern als auch auf die Lebensbedin­gungen der Gesamtbevölkerung im Süden.

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